Depression
Kolumne

Kolumne: Mit Gedankenkarussell auf Autopilot

Da ist es wieder, dieses Gefühl, das ich nicht haben will. Und doch kenne ich es so gut. In den letzten Jahren hat es so oft von mir Besitz ergriffen, dass ich kaum noch wahrnehme, wie es sich einschleicht. Und dann ist es plötzlich da. Wie aus dem Nichts. Es ist so allumfassend und präsent, dass ich kaum die Kraft habe, dagegen anzugehen, sobald ich bemerke, dass es wieder da ist. Es ist so mächtig, dass es in meine Gedanken eindringt und das Steuer übernimmt, mich wehrlos daneben stehen lässt und zusieht, wie ich ohnmächtig und rastlos auf und ab gehe, wie ein Tiger im Käfig, unfähig, selbstständig etwas an meiner Situation zu ändern. Die Sorgen machen es sich in meinem Kopf bequem, als würden sie sagen „Hier halten wir es länger aus“ und schalten, wie um ihre Worte zu bekräftigen, den Autopiloten an. Die Gedanken rasen, kennen kein Zurück, als hätte jemand einen Hebel in meinem Kopf umgelegt, der dafür sorgt, dass meine Gedanken sich neu formieren und sich fortan in einer Abwärtsspirale bewegen.

Mit Überschallgeschwindigkeit übertrumpfen sich die Ideen in meinem Kopf. Nehmen immer wildere Formen an und werden zunehmend irrealer. An diesem Punkt war ich schon so häufig. Stand jedes Mal machtlos daneben und habe fasziniert und resigniert dieses Schauspiel meiner schlimmsten Fantasien beobachtet, bis mir schlicht die Kraft fehlte, weiter zu denken. An diesem Punkt hatte ich sonst das Gefühl, jemand hätte in mir einen Off-Schalter betätigt, der mich vom Strom trennt und mir jegliche Energie raubt. Jedes Mal war ich so leer und ausgelaugt, dass ich fest davon überzeugt war, nie wieder aufzustehen. Wenn ich es doch getan hätte, hätte garantiert dieses schwindelerregende Karussell sofort wieder eingesetzt. Also bin ich liegen geblieben und habe gewartet, bis die letzten Sturmböen vergangen sind.

Diesmal ist es etwas anders. Ich bin zwar wieder in den Sog meiner gedanklichen Katastrophisierung geraten, doch ich war bewusst genug bei mir, um zu erkennen, dass es da einen Ast gibt, an dem ich mich festhalten kann. Meine Kraft reicht nicht aus, um gegen diesen Sog anzukämpfen, gewiss nicht. Aber ich bin heute in der Lage, mich an diesem Ast der Realität festzuhalten und mir bewusst zu machen, dass dieses Feuerwerk der Negativität keinen Zündstoff hat, sondern vielmehr ein jahrelang einstudiertes und auswendig gelerntes Theaterstück meines verletzten Inneren ist. Diese Gedanken sind eine schlechte Angewohnheit, und wie schwer man schlechte Angewohnheiten wieder loswerden kann, liegt auf der Hand. Den ersten Schritt bin ich heute gegangen, indem ich mir folgendes in Erinnerung gerufen habe:

Ich bin mehr als nur meine Gedanken.

Ein wichtiger Leitsatz, den ich mir von nun an öfter ins Gedächtnis rufen möchte, sobald ich merke, dass da wieder jemand den Autopiloten angeschmissen hat. Damit ich selbst wieder die Kontrolle über meine Gedanken erlange und mich nicht in diesem Strudel der unnötigen Sorgen und Ängste verliere. Damit ich lerne, besser zu differenzieren, was real ist und was nur in meinem Kopf passiert. Damit ich das Steuer nicht mehr so schnell und auf lange Sicht gar nicht mehr an meine destruktiven Gedanken und Gefühle verliere. Damit ich wieder lerne, meiner Intuition zu vertrauen und meinem Bauchgefühl den verdienten Raum zu geben.

Heute habe ich es geschafft. Ich habe meinem Bauch zugehört, statt meinem Kopf zu viel Raum für seinen Sog zu geben. Ich habe abgewogen, was real ist und Bedeutung haben kann und was lediglich die Meinung eines kleinen, vorlauten Klabautermanns ist, der Aufmerksamkeit braucht, sich davon ernährt. Habe Taten sprechen lassen, statt den Worten und Lügen und schamlosen Übertreibungen in meinem Kopf zu glauben, auch wenn ich ihnen eine Weile zugehört habe. Ich habe es geschafft und ich werde es wieder schaffen.

Glaube nicht alles, was du denkst.

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