Kolumne

Kolumne: Wie ich meinem inneren Klabautermann die lange Nase zeige

Ich merke, wie ich zum Teil gerade wieder in alte Muster zurückfalle. Instagram oder YouTube im Dauer-Scroll-Modus – Kopf aus, bunte Bilder an -, tagelang ohne Dusche (sorry an meine Mitbewohner!)… Das werte ich erstmal als nicht so schlimm, nicht per se besorgniserregend oder gar bedrohlich. Beziehungsweise, ich versuche, das erstmal nur wahrzunehmen, möglichst ohne negative Bewertung meines eigenen Handelns.

Natürlich ist es nicht cool, die Dusche längere Zeit nicht von innen zu betrachten, das weiß ich. Aber ich verurteile mich heute nicht mehr dafür. Ich bin mir selbst nicht böse, nicht frustriert, vergrabe mich deshalb nicht und lasse mich nicht davon gefangen nehmen. Und das ist eine echte Wohltat! Es ist etwas Gutes, das festzustellen und wahrzunehmen. Zu akzeptieren, dass es gerade so ist. Überhaupt: Akzeptieren, was ist.

Das ist der erste Schritt, den ich gehe, um etwas an dieser, wie ich heute weiß, temporären Entwicklung ändern zu können. Hier besteht noch ein wesentlicher Unterschied zu damals: Ich WILL etwas an meiner Situation ändern. Ich weiß, früher hätte ich einfach so weiter gemacht, mich gleichgültig und resigniert meinem inneren Klabautermann gefügt. Heute habe ich ernsthafte Ziele und den überaus starken Willen, diese zu erreichen. Dass meine Willenskraft so stark ist, hätte ich früher, während es mir so schlecht ging, nicht einmal erahnen können. Hätte mir jemand erzählt, von außen betrachtet sei ich ziemlich willensstark – ich hätte wohl nur mit den Augen gerollt und mich dann weiter eingeigelt, mich in Selbstmitleid gesuhlt und zutiefst über mich selber geärgert, ja, mich sogar schier dafür verachtet.

Heute weiß ich um die mir innewohnende Kraft, die viel größer ist als mein innerer Klabautermann. Der ist zwar noch da und ich denke, so ganz verschwinden wird er wohl nie. Doch ich habe gelernt, auf das zu pfeifen, was er sagt – ihn zu ignorieren. Ihm die lange Nase zu zeigen und lauter zu lachen und zu singen, als er jemals zetern und schimpfen und mir böse Dinge über mich selbst erzählen könnte.

Ich weiß heute, er ist nicht nur ein gewiefter Geschichtenerzähler, dem man schnell zu glauben geneigt ist, sondern ein garstiger Lügner noch dazu. Und, dass sein einziger Daseinszweck darin besteht, mich davon zu überzeugen, dass ich wertlos bin, nichts kann, es nie zu etwas bringen werde – kurz: Dass ich nicht gut genug bin.

Und allein schon, das aufzuschreiben, gibt mir ungeheure Genugtuung, denn – so leicht ich ihm früher auch mein Gehör und meinen Glauben geschenkt habe… so tief ich seinen bösartigen, zerstörerischen Flüstereien verfallen war – so wenig Wahrheit steckt darin. Was er sagt, ist seine Wirklichkeit, nicht meine. Ich allein habe die Macht der Entscheidung darüber, wem ich Glauben schenke: einem in meinem Kopf verirrten Wicht oder mir selbst.

Beinahe unmerklich ist – durch bewusste Seelenpflege, wie ich, was ich tue, gern bezeichne: Yoga, Meditation, Reflexion, positive Glaubenssätze, die Neuausrichtung meines gesamten Lebens – in den letzten Jahren mein Glaube an mich selbst so stark gewachsen, dass ich meinem inneren Klabautermann heute ins Gesicht lachen, ihn besänftigen, in die Stille zurückweisen und ihm vergeben kann. Die Kraft und die Fähigkeit, meine alten Muster wieder zu durchbrechen und ihnen nicht erneut die Überhand zu gewähren, wohnt mir inne! Und sie nimmt bedeutend mehr Platz ein als der klägliche Klabautermann, der hin und wieder versucht, seine Stimme gegen mich zu erheben. Dass er von Zeit zu Zeit laut wird, ist ganz normal, das gehört nun zu meinem Leben. Auch das habe ich akzeptiert, so lang und schmerzvoll der Weg zu dieser Erkenntnis auch war.

Doch ich allein entscheide, ob ich dem Klagen und den schlechten Gedanken Gehör schenke. Ich wünschte, ich hätte das eher gekonnt. Doch auch dies gehört zu meinem Lernprozess und erfordert naturgemäß Geduld und Kraft. Ich musste diesen Weg erst gehen, bevor ich ihn, von der Bergkuppe aus, auf der ich gerade stehe, in Gänze erfassen konnte.

„Life can only be understood backwards, but it has to be lived forwards.“ (Søren Kiergaard)

Dieser Satz begleitet mich schon seit über sieben Jahren, und doch kann ich ihn erst heute in seiner vollen Bedeutung verinnerlichen. Ich interpretiere ihn wie folgt:

Erst durch die Reflexion meines Lebens oder einzelner Lebensabschnitte, durch das eingehende Studium meines Verhaltens, meines Handelns in der Vergangenheit, kann ich mithilfe der Erkenntnisse und Lehren, die ich seither gewinnen konnte, verstehen, warum etwas so oder so gekommen ist, wieso ich diese oder jene Entscheidung getroffen habe und wie ich an dem Punkt angekommen bin, an dem ich heute stehe. Nur so kann ich wirklich und nachhaltig aus meinen Fehlern lernen und erfassen, welche meiner Verhaltensweisen mich auf der Stelle haben treten lassen und welche mich vorwärts gebracht haben. Nur in der Retrospektive kann ich erkennen, welche Muster von damals schädlich waren und es auch wieder sein werden, wenn ich mich ihnen hingebe und mich in ihnen verliere.

Also: Adieu, Instagram! Bye bye, YouTube! Hallo Dusche, hallo Welt!

Schweig still, Klabautermann, du wirst hier nicht gebraucht. Ich lebe, und ich möchte leben.

Steady

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