Kolumne

Kolumne: Träume sind…? oder: Level Up im Spiel des Lebens

Ich hatte einen Traum, der mich geweckt und nach einer Weile des darüber Nachdenkens auch kurz zum Weinen gebracht hat: Ich war schwanger und bereit dazu, das Kind auf die Welt zu bringen. Alles war gut. Nun liege ich wach und meine Gedanken drehen sich im Kreis.

Das Thema „Mutterschaft“ begleitet mich bereits seit einigen Jahren. Während ich, bis ich 19 Jahre alt war, meine erste langjährige Beziehung geführt habe, träumte ich zum ersten Mal ernsthaft vom heiraten und Mutter werden – die ganze, klassische Familien-Planung, von der Vater Staat wohl nur so träumt. Jene Beziehung hat sich als Luftschloss erwiesen – glücklicherweise, denn heute weiß ich, sie hätte keinen Bestand gehabt. Aber das ist eine Geschichte für sich.

Im Alter von 23, mitten im Prozess der Selbstfindung, wurde ich ungewollt schwanger – das Resultat einer lockeren Verbindung, die von vornherein begrenzt war. Ohne berufliche Perspektive, ohne Vater und mit einer sich (bereits seit Jahren) immer tiefer in meinem Dasein verankernden Depression, die mich meiner gesamten mentalen Stärke beraubte und mir einredete, ich hätte keine Aussichten auf eine lebenswerte Zukunft.

So wollte ich auf keinen Fall ein Kind zur Welt bringen; die Entscheidung, dieses Kind wegzuschicken, war unumgänglich. Ich unternahm alle nötigen Schritte, die für die Abtreibung nötig waren und war ein paar Monate später – nach allerhand Komplikationen und einem letztendlich erfolgreichen Schwangerschaftsabbruch – zumindest die Sorge los, mich in dieser Situation um ein Kind kümmern zu müssen.

Obgleich diese Entscheidung allemal vernünftig war und ich sie bis heute nicht bereue, ist sie mir keineswegs leicht gefallen. Mich erfasste unendliche Trauer darüber, dass diese kleine Seele zum denkbar falschesten Zeitpunkt an die Tür meines Lebens geklopft und um Einlass gebeten hatte, den ich ihr beim besten Willen nicht hätte gewähren können. Die Konsequenzen wären für beide von uns undenkbar gewesen. Ich wollte ein mögliches Kind – mein Kind – nicht einer solch aussichtslosen Zukunft aussetzen.

Inzwischen schwanke ich in Bezug auf den Gedanken, Mutter zu werden, immer wieder zwischen „Ich kann mir nichts schöneres vorstellen“ und „Ich möchte mich der Verantwortung nicht aussetzen“.

Und ich möchte mich auch keinesfalls zu dem nicht zu vernachlässigenden Teil der Gesellschaft zählen müssen, der unter dem Phänomen der „regretting motherhood“ leidet und die eigenen Kinder unweigerlich mit in die Wirrungen des eigenen Schmerzes hinein zieht.

Mit meinem wachsenden Bewusstsein zu Themen wie Umwelt und Nachhaltigkeit (und damit in Zusammenhang mit meiner Depression auch wachsendem Weltschmerz) kam dann auch noch die Frage hinzu, ob ich es mit mir vereinbaren kann, überhaupt ein Kind in dieser Welt großzuziehen und es damit unweigerlich diesem System und dem wachsenden gesellschaftlichen Druck, unter dem ich selbst so leide, auszusetzen.

Seit meinem Schwangerschaftsabbruch sind vier Jahre ins Land gezogen.

Kommenden Monat wird der Sohn meiner besten Freundin ein Jahr alt. Ihre Schwangerschaft habe ich mit ehrlichem Interesse verfolgt und auch die Erzählungen über ihre neue Rolle als Mutter faszinieren mich. Ich bin unendlich traurig, coronabedingt nicht bei ihrer Hochzeit dabei gewesen sein zu können und freue mich umso mehr, wenn diese, sobald Corona es zulässt, noch einmal in größerem Kreis gefeiert wird und ich daran teilhaben kann.

Ich schaue mir leidenschaftlich gerne Videos über Heiratsanträge, Hochzeiten, Schwangerschaften und Geburten auf YouTube an – diese Themen interessieren mich einfach und üben eine gewisse Faszination auf mich aus. Sie inspirieren und rühren mich, unabhängig von meiner eigenen Geschichte und Lebenssituation.

Abgesehen von meiner besten Freundin befinden sich in meiner persönlichen „social bubble“ sehr wenige Menschen meines Alters, die bereits Eltern sind oder sich vorstellen können, (schon) ein Kind zu bekommen. Lediglich auf Instagram folge ich bereits seit Jahren einigen Frauen in meinem Alter, die entweder vor Kurzem Mutter geworden oder zurzeit ein Kind in sich tragen.

Diese Flut von Schwangeren und Müttern, die vor der Kamera zurzeit täglich stolz und glücklich ihren Pregnancy Belly oder die fünfhundertste unfassbar niedliche Latzhose für ihr Baby präsentieren, kann natürlich Auslöser für meinen Traum gewesen sein; die einfache Verarbeitung von etwas, das ich gesehen habe, was mich aber persönlich nicht betrifft. Oder im Gegenteil – vielleicht sogar unterbewusst Druck auf mich ausübt.

Es schleicht sich ein verzerrtes Bild ein: „Alle“ um mich herum (was ja nachweislich mitnichten der Fall ist) heiraten, bekommen Kinder und kaufen Häuser. Lassen sich nieder. Sind gerne Teil des vorgegebenen Systems. Und haben sich bewusst dazu entschieden, den nächsten Schritt zu gehen. Eltern zu werden. Ihr „Level Up“ im Spiel des Lebens.

Und ich? Na ja, ich wohne in einem Bus… Eines möchte ich an dieser Stelle betonen: Ich liebe dieses selbst gewählte Leben, fühle mich so frei wie nie und bin glücklich, in meinem Beruf nun wohl endlich auch einen Teil meiner Berufung leben zu können. In der Beziehung zu meinem Freund wachsen wir beide gerade unfassbar (mit- und aneinander), was mich ebenfalls sehr erfüllt. Dennoch kann ich leider den Vergleich zu anderen noch immer nicht gänzlich ausschalten. Die Latte, an welcher persönlicher Erfolg gemessen wird, sieht bei einem Großteil der Gesellschaft wohl einfach anders aus als bei mir.

Als ich aus meinem Traum erwachte, wanderte als allererstes unwillkürlich eine Hand zu meinem Bauch. Wie, als müsste ich mich versichern, dass es sich wirklich nur um einen Traum gehandelt hat; um zu überprüfen, ob da nicht wahrhaftig ein kleines Wesen in meinem Leib heran wächst…

Und schon stelle ich mir (nicht zum ersten Mal in den letzten Jahren) innerlich die Frage, ob da nicht ein unterbewusster Kinderwunsch in mir schlummert. Ich verweile kurz bei dieser Möglichkeit, lausche, ob meine innere Stimme sich dazu klar äußern kann (oder möchte).

Sie bleibt zu meiner Enttäuschung stumm.

Meine Gedanken rasen weiter.

Selbst, wenn ich einen unerfüllten Kinderwunsch in mir trüge, würde das nichts an meiner aktuellen Lage ändern und plötzlich eine Möglichkeit eröffnen, nun ein Kind zu versorgen.

Zwar bin ich inzwischen beruflich wie persönlich einige Schritte weiter, auch kann ich mir sehr gut vorstellen, mit meinem Freund gemeinsam das “Abenteuer Elternschaft“ zu wagen. Doch ich würde lügen, wenn ich behaupte, ich sei im Leben angekommen und bereit für diesen bedeutsamen nächsten Schritt. Selbst, wenn es sich dadurch manchmal immer noch so anfühlt, als würde ich auf der Stelle treten (was, wie ich heute weiß, nicht stimmt – aber Gefühle abstellen was noch nie mein Ding).

  • Ich bin noch nicht fest im Berufsleben etabliert und kann nicht einmal sicher sagen, wie das mit den Steuern funktioniert (sprich, wie viel Geld ich langfristig brutto verdienen muss, um am Ende ein solides, zukunftsfähiges Netto-Einkommen zu erzielen).
  • Mein Freund fängt dieses Jahr erst seine Ausbildung an – bis er sich ein wahrhaftes finanzielles Standbein erarbeitet hat, gehen also noch ein paar Jahre ins Land.
  • Er ist 20 Jahre alt und kann sich (wie ich sehr gut nachvollziehen kann!) nicht vorstellen, früh Vater zu werden (Andererseits: Will ich wirklich Spätgebärende sein?).
  • Das Leben stellt uns beide immer noch und immer wieder vor so einige Herausforderungen, mit denen wir uns mitunter überfordert fühlen. Wir haben beide noch so einige Punkte, an denen wir persönlich wachsen müssen und wollen, bevor wir uns (mental) in der Lage dazu sehen, für ein Kind zu sorgen.
  • Ich weiß immer noch nicht, ob ich jemals dazu in der Lage sein werde; selbst mein Hund bringt mich zugegebenermaßen sehr oft an meine Grenzen… (– das ist aber wohl etwas anderes, oder?)
  • Wir wohnen in einem verdammten Bus!
  • Dann widerum…

Ich schreibe meiner besten Freundin eine Nachricht mit der Bitte, ihre Gedanken zu den einzelnen Punkten mit mir zu teilen, mir beim Lösen der Knoten in meinem Kopf zu helfen, die sich dort gerade bilden. Natürlich schläft sie und die Nachricht erreicht sie nicht, denn es ist mitten in der Nacht.

Ich beschränke mich darauf, ihr noch ein paar Fragen zu stellen, von deren Beantwortung ich mir die Möglichkeit erhoffe, meinen Horizont zu erweitern und für mich selbst ein wenig Licht ins Dunkel bringen zu können:

  • Wie finde ich heraus, ob das nur Hirngespinste sind, die von Instagram verursacht wurden oder ob es sich tatsächlich um einen Kinderwunsch handelt?
  • Wie wusstest du das?
  • Wie wusstest du, dass D. als Papa für dein Kind der richtige ist?
  • Und wie hast du herausgefunden, dass du bereit bist, Mutter zu werden?

Für einen Austausch musste ich natürlich noch etwas Geduld aufbringen.

Und Geduld ist ein gutes Stichwort.

Ich möchte mich, was die Entscheidung für oder gegen die Mutterschaft betrifft, nicht unter Druck setzen. Eigentlich bin ich recht sicher, dass die Antworten auf meine Fragen sich mit der Zeit von ganz allein einstellen werden. Dass irgendwann der Moment kommt, in dem ich plötzlich sicher bin, dass die Entscheidung in die eine oder andere Richtung die richtige ist.

Bis dahin (und auch darüber hinaus) gilt es natürlich – wie immer im Leben – abzuwarten. Dinge, die kommen, anzunehmen. Das auszuhalten, was ich jetzt noch nicht weiß. Selbstakzeptanz zu leben. Nachsichtig mit mir zu sein. Achtsam zu sein. Mich immer weiter zu entwickeln und zu lernen, uneingeschränkt meinem Bauchgefühl zu vertrauen. Bewusst darauf zu hören und dem zu folgen, was meine innere Stimme mir sagt. Nur dann – und davon bin ich überzeugt! – kann es mir gelingen, die Entscheidung für oder gegen ein Kind zu treffen und uneingeschränkt dazu zu stehen. Mein Bauch wird mir sagen, wann für uns beide die Zeit gekommen ist, einer kleinen Seele Einlass zu gewähren. In mein Leben und ins Leben selbst.

Ich möchte mir immer wieder bewusst machen, dass es vollkommen ausreicht, den Weg meines Lebens Schritt für Schritt zu gehen. Und seien die Schritte auch kleiner als Kinderfüße; das bedeutet noch lange nicht, dass ich auf der Stelle trete. Die Entscheidung, mich jetzt noch nicht zu entscheiden, ist vollkommen valide und ich werde mich selbst nicht dazu drängen, mir die Frage, ob ich Kinder möchte, zu beantworten, bevor meine Zeit dafür gekommen ist.

Auch dieser Aspekt meiner Entwicklung und die Fähigkeit, zu beobachten, zu reflektieren und Gegebenheiten (wie auch Träume) zu hinterfragen, sind wichtige Errungenschaften.

Sie sind mein ganz persönliches Level Up im Spiel des Lebens.

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