Kolumne

Kolumne: Weniger haben – mehr sein

Minimalismus. Ein riesiges Thema, das nicht nur in den Medien zunehmend an Aufmerksamkeit gewinnt. Die Menschen in meiner Umgebung misten aus, sortieren, gewinnen den Überblick über all ihren Besitz… Auch wir, das heißt, mein Freund und ich, sind von der minimalistischen Lebensweise fasziniert. Als wir letztes Jahr zusammengezogen sind, haben wir zunächst in zwei Zimmern mit jeweils etwa fünfzehn Quadratmetern gewohnt. Unser ganzes Zeug füllte diese beiden Räume unfassbar aus – da blieb kaum Platz zum Denken.

Und das, obwohl wir bereits vor unserem Umzug sagenhaft viele Dinge aussortiert hatten. Jedes Mal, wenn ich zu der Zeit (und das ist nur etwa ein Jahr her) ein weiteres Teil weggab, fühlte ich mich, als würde jemand ein Stück von mir abschneiden. Es ist immer wieder merkwürdig zu beobachten, wie sehr ein Mensch sich an seinen Besitz klammern kann – wie an eine Rettungsinsel.

Gegen Ende des Jahres entschieden wir uns dazu, unseren Besitz ein weiteres Mal zu reduzieren und fortan in einem gemeinsamen Zimmer zu wohnen. Den nun übrigen Raum gestalteten wir um zu einem gemeinsamen WG-Wohnzimmer, in welchem auch unser Mitbewohner sich entfalten konnte. Uns allen gefiel diese neue Raumaufteilung sehr gut.

Es dauerte Wochen, bis wir soweit waren, dass wir wirklich vernünftig in unserem Zimmer leben konnten – vorher galt es, aufs Neue alles Überflüssige auszumustern. Wir machten uns daran, einzelne Stücke bei eBay Kleinanzeigen zu verkaufen – dazu später mehr.

Selbst unsere Betten verkauften wir, eins nach dem anderen. Wir wollten ausprobieren, wie es sich anfühlt, auf dem Boden zu schlafen – ob unsere kranken Rücken dadurch ein wenig besser würden. Spoiler: Wir schlafen seitdem immer noch auf dem Boden, lediglich dünne Isomatten unter uns. Mit der Zeit haben wir festgestellt, dass wir mit weniger Rückenschmerzen und Verspannungen aufwachen, nachdem wir die Nacht auf dem Boden verbracht haben, anstatt von einer wattewolkenweichen Matratze aufzustehen. Aber das ist ein anderes Thema.

Nun hatten wir mehr und mehr Raum, obwohl wir in einem kleineren Zimmer lebten. Einfach dadurch, dass wir immer weniger besaßen. Je mehr wir aussortierten, desto leichter fiel es uns, Dinge loszulassen.

Das Höchste der Gefühle erreichte ich, als ich meine „Harry Potter“-Bücher weggab. Es ist mir nie wirklich schwerer gefallen, mich von etwas Materiellem zu trennen, auch wenn ich bereits als Kind unheimlich gern Dinge gesammelt habe. Dinge, die keinen wirklichen Zweck erfüllten und an die ich mich zum allergrößten Teil heute gar nicht mehr erinnere. Doch die Trennung von diesen Büchern tat mir beinahe körperlich weh, denn an ihnen kleben farbenfrohe und intensive Erinnerungen an meine gesamte Kindheit und Jugend. Meine Mutter hat uns die ersten Teile vorm Zubettgehen vorgelesen – auch wenn es „nur“ Bücher sind, haben sie für mich einen unglaublich hohen, ideellen Wert.

Und dennoch: Sie fanden keinen Platz mehr zwischen all den Dingen, die wir nach wie vor brauchten (oder uns einbildeten, zu brauchen), also durften sie in ein neues Zuhause einziehen – gemeinsam mit der Bitte, sie zurück bekommen zu dürfen, sobald ich wieder mehr Platz haben würde. Denn ich möchte sie eines Tages meinen eigenen Kindern vorlesen.

Damit aber nicht genug: Wie das Leben so spielt, klopfte nach kurzer Zeit wieder die Veränderung an unsere Tür. Next stop: Kiel.

Wir begannen also, uns nach Wohnungen und WGs dort umzusehen – erfolglos. Frustriert griffen wir schließlich die Idee wieder auf, die uns bereits zu Beginn unserer gemeinsamen Geschichte so sehr zusammengeschweißt hat: Das Leben in einem Van. Wir spannen an der Idee weiter, schauten uns unverbindlich um, doch in unseren Köpfen manifestierte sich diese Vorstellung immer weiter.

Wir begannen aufs Neue damit, zu räumen, zu sortieren, zu wachsen. Besiegten unsere jeweiligen Endgegner (in meinem Fall: die bereits erwähnte Buchreihe) und wuchsen über uns hinaus, während unser Besitz immer weiter schrumpfte. Ebay Kleinanzeigen haben wir praktisch durchgespielt – wusstet ihr, dass es eine Gebühr kostet, wenn man dort mehr als einundfünfzig Anzeigen innerhalb von dreißig Tagen veröffentlichen möchte?! Wir auch nicht!

Wir gewannen immer mehr Raum zum Denken und Atmen, während wir uns nach uns nach von jeglichem Kram lösten, an dem bislang immer noch irgendwie ein Stück unserer Herzen hing. Es fühlt sich so befreiend an, nicht mehr abgelenkt zu sein von dem ganzen Zeug, was unser Zimmer bislang so vollgestopft hatte.

Es gelang uns, alles, was wir hatten auf den Inhalt einiger weniger Umzugskartons zu reduzieren und uns immer mehr auf das zu fokussieren, was wirklich zählt: Wer wir sind, statt was wir haben.

Und wir können es selbst noch kaum glauben, aber es ist wahrhaftig: In wenigen Wochen werden wir in unseren Van ziehen!

Dann können wir endlich sein, wer wir schon immer sein wollten, ohne, dass irgendwelcher Kram unnötig Platz wegnimmt und uns in unseren Möglichkeiten einschränkt. Dann können wir unser gesamtes Potential entfalten, frei nach dem Motto:

„All you need is less!“

(Buchempfehlung: „All you need is less“, Manfred Folkers und Niko Paech, erschienen 2020 im oekom Verlag in München)

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