Erfahrungsbericht Laufen gegen Depressionen
Gesundheit und Lifestyle

Laufen gegen Depressionen – Ein Erfahrungsbericht

Heute erzählt uns Bee von ihrem Erfahrungsbericht über Laufen gegen Depressionen.

Laufen hilft gegen Depressionen. Aber das war nicht der Grund, weshalb ich damit angefangen habe. Ich wusste nicht mehr weiter. Irgendetwas musste anders werden. Und es musste etwas Großes sein. Ich bin immer unsportlich gewesen – der Gedanke, fünf Minuten am Stück zu laufen, war erschreckend. Laufen war das Letzte. Laufen war nichts für mich. Laufen war in keinster Weise ein Teil von mir. Es war absurd. Es war so völlig anders als ich. Und es war etwas, mit dem das dunkle Monster in meinem Kopf noch keine Erfahrung hatte. Es war drastisch.

Der erste Schritt

Als ich das erste Mal meine (brandneuen) Laufschuhe angezogen habe, bin ich sechs Mal eine Minute lang gelaufen und dazwischen jeweils eine Minute gegangen. Das gab die App so vor, die ich mir zu diesem Zweck besorgt hatte. Piep. Piep. Piep. Run for one minute. Ich weiß, dass ich Glück habe: Mein depressiver Ex-Freund hatte einmal zwei Monate lang nicht die Kraft, den Müll neben seinem Bett zu entsorgen – geschweige denn dem Befehl eines piepsenden Personal Trainers zu folgen, jetzt loszulaufen. Aber ohne den virtuellen Trainer hätte auch ich es nicht geschafft. Weil ich nicht gewusst hätte, wie ich überhaupt hätte anfangen sollen. Weil „Laufen gehen“ so erschreckend groß ist. Aber heute Morgen sechs einzelne Minuten lang zu laufen ist nicht mehr ganz so groß. Und übermorgen dann sieben. Das ist nur eine mehr. Und dann acht.

Diese App verkörperte den üblichen Ratschlag bei Depressionen, einen Tag nach dem anderen, einen Schritt nach dem anderen in Angriff zu nehmen, perfekt. Ich sah nicht einmal die nächsten Trainingseinheiten, bevor ich nicht die aktuelle abgeschlossen hatte. Aber es war jedes Mal ein bisschen mehr als beim letzten Mal. Es war jedes Mal mehr als ich je zuvor geschafft hatte. Und ich musste nicht denken, ich musste mir keine Sorgen machen, ich musste nur tun, was die Roboterstimme in meinem Kopfhörer sagte. Dann würde ich laufen.

Die ersten Fortschritte

Als ich das erste Mal vier Minuten am Stück gelaufen bin, war ich so stolz. Mein Kopf war knallrot und es war wahnsinnig anstrengend (mir ist später bewusst geworden, dass ich anfangs viel zu schnell gelaufen bin), aber das war gut, denn die einzigen Gedanken in meinem Kopf waren „Laufen. Nicht sterben. Laufen. Atmen. Laufen.“ Da war kein Platz mehr für das Gedankenkarussell voller Angst und Sorgen, dass sonst in jeder wachen Minute nach Aufmerksamkeit schrie.

Ich habe später gelernt, dass Angst (und davon habe ich reichlich) meinen Körper in den Flucht-oder-Kampf-Modus versetzt, den wir noch aus der Steinzeit mitbringen. Wenn ich dann aber weder fliehe noch kämpfe, weiß mein Körper gar nicht, wohin mit seiner Energie. Und leider bricht sie sich dann bei mir gerne in selbstzerstörerischem Verhalten ihre Bahn. Laufen ist nun aber so ziemlich genau das, was mein Körper unter einer Flucht versteht. Er bekommt, was er will. Er beruhigt sich. Zumindest für eine Weile. Seitdem ich das weiß, zwinge ich mich, die Laufschuhe anzuziehen, wenn ich wieder vor Angst verrückt zu werden drohe. Es klappt so in der Hälfte aller Fälle. Besser als nichts.

Erfahrungsbericht Laufen gegen Depressionen
Laufschuhe an und los geht’s!

„Ich bin eine Läuferin!“

Als ich das erste Mal 30 Minuten am Stück gelaufen bin, konnte ich es gar nicht glauben. Das ist so lange wie eine Sendung mit der Maus. Ich war eine ganze Sendung mit der Maus lang gelaufen. Das war etwas, dass ich noch niemals zuvor getan hatte. Das war etwas, von dem ich geglaubt hatte – nein, von dem ich mir sicher gewesen war – dass ich es nicht konnte. Und weil ich nicht aufhörte, sondern so was nun regelmäßig tat, konnte ich nicht mehr länger verleugnen, dass ich nun eine Läuferin war. Und ich glaube, bei all den positiven Effekten, die das Laufen so hat und die gegen Depressionen helfen (die Endorphine, die Körpererfahrung, die Erfolgserlebnisse und so weiter), war das für mich der entscheidende Punkt. Ich war eine Läuferin.

Ich hatte es geschafft, einen so grundlegenden, einen so fundamentalen, einen so festsitzenden Teil von mir selbst, wie die Überzeugung, dass ich unsportlich war und Laufen hasste, ich hatte es geschafft diesen Teil von mir zu verändern. Ich, ganz allein. Ich war anders geworden. Früher habe ich mich immer so gefangen gefühlt in mir selbst, meinen Gedanken, die in den immer gleichen Kreisen wirbeln, meinem Verhalten, das in den immer gleichen Mustern verläuft, und der immer gleichen Erkenntnis, dass alles so verdammt schwierig ist. Aber diesen einen Teil von mir, den habe ich verändert. Ich fühle mich immer noch gefangen und es geht mir immer noch schlecht. Aber wenn ich diesen einen Teil verändern konnte, dann vielleicht auch noch einen anderen. Und dann vielleicht noch einen. Und dann schaffe ich es vielleicht irgendwann dem dunklen Monster einen Arm abzubeißen. Oder ein Bein. Und dann noch eins. Und dann kann das Monster irgendwann nicht mehr laufen.

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