Mamas weinen nicht
Kolumne

Kolumne: Mamas weinen nicht #3 – Für immer für euch

Für die meisten Frauen ist Mutter sein die Erfüllung. Doch was ist, wenn die Vorstellung, die man hatte sich mit der Wirklichkeit bricht oder das Leben vielleicht auch ganz anders kam, als geplant? In dieser Kolumne geht es um den Spagat zwischen Muttersein und Selbstfürsorge, die Liebe zu den Kindern und dem Wunsch nach persönlicher Freiheit, dem Gefühl des Versagens und dem Anspruch an Perfektion. Kurz: um die Gefühle über die auf dem Spielplatz niemand spricht.

Depression ist ein Arschloch. Und Depression ist nicht heilbar. Sie. Ist. NICHT. heilbar. Und es ist paradox, dass ich mir das sage, wenn eigentlich mein Freund derjenige sein müsste, der sich das vor Augen führt. Überhaupt die Augen mal wieder aufmacht. Wieder sieht. Sich sieht. Sich selbst erklärt. Stattdessen sage ich es mir, um mein stechendes Herz zu heilen. Mir, damit ich ihn nicht bei der nächsten Gelegenheit auf den Mond schieße. Oder wenigstens aus der Wohnung. Hauptsache weg. Denn aussehen tut es wie purer Egoismus. Blanker nackter abstoßender Egoismus. Aber ist es egoistisch, wenn du unter dir selber leidest? Ist es egoistisch, wenn du nicht einmal merkst, wie du nur an dich selbst denkst und nur an dich selbst denken kannst, damit du nicht an dich selbst denken musst? Ich mein dich selbst permanent zu beschäftigen, abzulenken, um deinen Gedanken nicht ausgeliefert zu sein. Ist das Egoismus?

Es wird mir schmerzlich bewusst, als ich Tränen überströmt auf dem Küchenfußboden sitze und die pure Verzweiflung über mich kommt. Es wird mir schmerzlich bewusst, dass das kein Egoismus ist. Das wir wieder da sind. Wieder an einem Tiefpunkt. Einem Tiefpunkt, den ich wieder überstehen muss.

Die Kleine sitzt nebenan und malt und ruft nach mir. Ich gehe nicht rüber, denn sie soll mich nicht so sehen. Ich versuche mich zusammen zu reißen, ich beiße die Zähne zusammen. Ich wische meine Tränen weg und stehe auf, einer muss es ja tun. Ich schmiere weiter Brote, sie kommt in die Küche und möchte wissen, ob Papa nicht mitkommt. Ich zucke mit den Schultern und sage „Ich weiß es nicht.“ Sie geht ins Schlafzimmer und fragt ihn selbst. Ich höre sie fragen, ich höre Schweigen. Ich höre ein „Bitte!“ Ein „Bitte, Papa“. Und noch ein flehenderes und fast verzweifeltes „Bitte, Papa, Bitte!“ und Schweigen. Sie kommt mit nassen Augen in die Küche. Ich halte sie, während sie bitterlich weint vor Enttäuschung. Ich verliere die Beherrschung und schnauze ihn an, wie er es wagen kann seine eigene Tochter so zu enttäuschen. Vor ihren Augen. Auch wenn es vielleicht nicht richtig ist. Ich bin wütend. Ich bin verletzt. Ich bin verzweifelt. Und er weint.
Wir weinen alle drei – die Kleine und ich halten uns beide in unseren Armen und trösten uns mit unserer Liebe. Ich versichere ihr, dass es ganz sicher nicht ihre und nicht meine Schuld ist und auch nicht die ihrer Schwester. Sie sagt „Ich weiß“ und lehnt ihren Kopf an meine Schulter, während ihre Tränen zu trocknen zu beginnen. Das ist gut.

Wir sind zu unserem Wochenende aufgebrochen, wieder vereint mit der großen Schwester, die ebenso enttäuscht ist wie ihre kleine Schwester, dass Papa nicht da ist. Ich liege zwischen meinen beiden Mädchen und fühle ihr gleichmäßiges Atmen, als sie friedlich auf meiner Brust eingeschlafen sind. Ich liege da, bin der Ruhepol, der Fels in der Brandung und ich schließe Frieden. Nicht mit dir, aber damit. Damit, dass ich wieder mal allein bin. Aber ich bin nicht allein, ich bin niemals allein, denn meiner Kinder sind immer da. Ich bin immer da, das habe ich ihnen gesagt. Das wird immer so sein.

Ich trockne meine Tränen alleine – für euch. Ich bin stark – für euch.

Hier kommt ihr zu allen Teilen der Kolumne "Mamas weinen nicht". 
Steady

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