Texte und Gedichte

Mein Ex der Vergewaltiger

Die Autorin dieses Textes möchte gerne anonym bleiben. Dennoch sind wir sehr froh, dass sie ihre Geschichte mit uns und euch teilen möchte!

Ich wurde während meiner Beziehung vergewaltigt. Dieser Satz ist einer der schwersten, den ich je geschrieben oder gedacht habe. Aus dem Grund, weil ich diese Tatsache lange nicht so akzeptieren wollte.

Damals habe ich mich in Ausreden geflüchtet, um der grausamen Realität dessen zu entfliehen, dass der Mann, den ich so geliebt habe, mir meinen Stolz auf eine Weise genommen hat, wie ich sie niemandem wünschen würde. Er hat mich vergewaltigt! Er hat sich damals einfach dazu entschieden, dass er mich einfach fickt, ob ich es will oder nicht. Es war ihm einfach scheiß egal. Er hat es einfach nicht akzeptieren wollen, wenn ich keinen Bock auf ihn hatte.

Ich flüchtete mich in den Gedanken, dass es sicher nicht so schlimm war, wie es sich anfühlte. Ich war schließlich seine Freundin. Ich tat dies einfach nur, um nicht der Wahrheit ins Auge sehen zu müssen. Obwohl ein Teil tief in mir natürlich immer wusste, was er tat. Ich leugnete die bittere Wahrheit, dass mich mein Freund, der Mann den ich liebte, dem ich vertraute, im Endeffekt vergewaltigte.

Die Formulierung ,,im Endeffekt“ ist in diesem Fall sehr, sehr wichtig, weil ich das Wort Vergewaltigung lange nicht alleinstehend, ohne diese verharmlosenden Adverbiale, benutzen konnte. Ich wollte mich selbst davon überzeugen, dass es nicht das war, was es nun mal war. Das Schlimmste daran ist aber, dass das viel leichter war, als man denken mag.

Jedes Mal, wenn er mich vergewaltigte, fühlte es sich im Grunde genommen nicht anders an, als der normale Sex – bis auf den Schock den man verspürt wenn es passiert. Der Schock und das widerliche Gefühl, welches sich immer und immer mehr im Körper ausbreitet. Wegen diesem Gefühl hat man dann immer mehr den Drang in Tränen auszubrechen. Aber man tut es nicht. Zumindest meistens nicht.

Egal ob mit Zustimmung oder ohne: von seinem Freund gefickt zu werden fühlt sich an wie von seinem Freund gefickt zu werden. Doch genau das ist es, was das Wort Vergewaltigung auch so schwierig macht. Ich habe ,,Nein“ gesagt. Und er hat mich ignoriert. Immer wieder. Aber das Problem an der Sache ist folgendes: es war nie wirklich gewaltvoll. Ja, die psychischen Schmerzen waren schlimm, aber ich hatte nie wirklich sichtbare Verletzungen. Es war eben nie so, wie man sich eine Vergewaltigung vorstellt. Ich hatte keine Schäden davon getragen. Zumindest keine, die man sehen konnte. Ich hielt meinen Vergewaltiger im Arm, während ich heulte, sobald er schlief oder manchmal auch während dem ,,Sex“.

Auch wenn du deinen Vergewaltiger liebst, denkst du über eine Anzeige nach. Doch dieser Gedanke hält sich nie lange. Ich versuchte immer mehr mich an die schönen Momente in unserer Beziehung zu klammern. In einer Art von blindem Vertrauen und verzweifelter Hoffnung verzieh ich ihm immer wieder. Er hat mir weh getan, aber er hat mir so viel bedeutet und auch wenn es bizarr ist, ich wollte ihm nicht weh tun und ihm keine Probleme machen. Ich wollte ihm sein Leben nicht kaputt machen – weil ich ihn liebte.

Er hat das Verbrechen begangen, aber in meinem Innern hatte ich das Gefühl ich wäre Schuld daran, wenn er das Bedürfnis hatte mir so etwas anzutun. Ich hatte dann das Gefühl ich tat nicht genug und schämte mich aber gleichzeitig für diesen Gedanken. Ich liebte ihn und ich wollte ihn nicht verletzen. Ich überlegte sehr lange, ob ihm überhaupt bewusst war, was er da tat. Ich überlegte, was das alles bedeutete und wie es mir damit gehen musste.

Irgendwann kam die Angst davor, ob man ihn überhaupt zu Rechenschaft ziehen würde, wenn ich ihn anzeigen würde. Würde man mir glauben? Würden sie etwas tun können? So viele Fragen schwirrten mir im Kopf herum, auf die es keine Antwort gab. Das aber nur, weil ich den Mut nicht fand, Antworten auf meine Fragen zu suchen. Vermutlich wollte ich sie damals auch nicht wissen.

Heute, fast 1,5 Jahre später, wäre ich froh damals schon nach Antworten gesucht zu haben. Nach der Trennung habe ich einfach versucht alles zu verdrängen und mein Leben normal weiter zu leben. Doch das funktioniert nicht so einfach! Es holt einen immer wieder ein und man sieht die Bilder immer wieder vor sich. Jetzt wäre ich froh, wenn ich die Kraft gehabt hätte, ihn damals schon anzuzeigen. Ich spiele immer wieder mit diesen Gedanken und der nächste dieser Gedanken ist dann die Überlegung, dass ich heute vielleicht schon wieder fast normal oder auch ganz normal leben könnte, hätte ich ihn damals angezeigt.

Vielleicht müsste ich mich nicht mehr mit diesen Gedanken abmühen und hätte keine Alpträume mehr, aber ich habe es nicht getan. Weil ich Angst hatte, ihn zu verlieren. Auf Dauer hält aber niemand dieses anhaltende, widerliche Gefühl aus, das ich vorher beschrieben habe. Deswegen musste ich irgendwann die Kraft finden mich von ihm zu trennen. Aber die Kraft ihn anzuzeigen hatte ich nie, bis jetzt.

Ich beginne eine Therapie um das Erlebte zu verarbeiten und zugleich mit Hilfe der Therapeutin ein psychologisches Gutachten zu erstellen. Damit ich alles bereit habe, wenn ich ihn Anzeige und eine bessere Chance auf Gerechtigkeit habe.

Ich hoffe damit auch andere Frauen davor zu bewahren, dass er ihnen das selbe antut wie mir. Ich hoffe darauf ihm klar machen zu können, was er mir damit angetan hat. Für viele Opfer ist es leichter die eigene Erfahrung als eine Art ,,harmlose Art der Vergewaltigung“ herunter zu spielen, als sich mit dem Chaos und der grausamen Realität auseinanderzusetzen. Es ist leichter seine eigene Erfahrung herunter zu spielen, als sie zu akzeptieren. Das kenne ich nur zu gut.

Ich hoffe mit diesem Text anderen Frauen und Mädchen aber natürlich auch Männern, denen so etwas widerfahren ist, zu ermutigen, auch ein Zeichen zu setzen und für sich selbst einzustehen.

Ich hoffe, ein paar dazu zu bringen sich nicht länger zu verstecken und sich gegenseitig zu unterstützen und einander Kraft zu geben. Außerdem möchte ich anderen Leuten versuchen näher zu bringen, wie sich die Betroffenen fühlen und was so etwas mit einem Menschen machen kann. Die Folgen sind oft sehr schwerwiegend. Ich hoffe meine Geschichte gibt euch Mut und das Gefühl, nicht alleine zu sein!

Ihr habt ähnliche Erfahrungen gemacht und benötigt Hilfe? TelefonSeelsorge in Deutschland: +49 (0)800 111 0 111 (gebührenfrei)

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