Tagebuch einer Angehörigen
Kolumne

Tagebuch einer Angehörigen – 02. Februar 2020

In einer medizinischen Zeitschrift habe ich vor Kurzem gelesen, dass statistisch gesehen jedes Jahr 18 Millionen Menschen in Deutschland psychisch erkranken. Rund vier Millionen davon leiden an Depression. Mein Partner ist einer von ihnen und ich hänge nun mitten drin.

Dies ist der erste Teil meines Angehörigentagebuchs:

Lange habe ich mich vor der Erkenntnis gedrückt, obwohl mein Mann immer wieder umständlich zu erklären versuchte, dass er nicht gesund sei und mein Verstand es mir mehrfach bestätigt hat. Aber wahrhaben wollte ich es nicht.  Immerhin ging er normal arbeiten, traf ab und zu Freunde und hatte ein Hobby. Ich war oft wütend auf ihn, habe sein Verhalten auf Befindlichkeiten geschoben und seine schlecht ausgefüllte Rolle als Stiefvater kritisiert. Ja, wir sind eine Patchwork-Familie, als wenn das nicht schon Herausforderung genug wäre…

Sieben Jahre lang habe ich mich vor meiner/seiner Krankheitseinsicht gedrückt, bis ich vor wenigen Tagen einen Brief von ihm fand, den er mir in der Anfangszeit unserer Beziehung geschrieben hat. Fast traf mich der Schlag, denn schon damals beschrieb er exakt die gleichen Probleme, die wir heute auch haben und sprach sogar davon, sich vor Verzweiflung etwas anzutun. Und da öffnete sich für mich ein Vorhang, der die ganzen Jahre einen Teil meiner Sicht versperrte. Endlich konnte ich verstehen.

Aber was bedeutet Depression? Was kann ich tun, was muss ich beachten und was bringt diese Erkrankung mit sich? Gut, es ist kein Tabuthema mehr. Oder doch? So viele Fragen.

Im Netz begab ich mich auf die Suche nach Hilfe und Rat für Angehörige und stieß auf ein gutes Buch der Stiftung Deutsche Depressionshilfe: „Wenn der Mensch, den du liebst, depressiv ist – Wie man Angehörigen oder Freunden hilft“. Ich lese es noch, bin aber jetzt schon sehr dankbar für die Erklärungen und Tipps und werde später gern noch auf das Buch eingehen.

Das Gespräch mit einer Freundin brachte mich darüber hinaus auf die Möglichkeit, mir in einer Selbsthilfegruppe den Rat anderer Betroffener zu holen, ihre Schilderungen zu hören und mich mit der Thematik nicht allein zu fühlen. Gesagt, getan. Überzeugt, in Kürze einen Kontakt zu bekommen und wieder gehen zu können, stürmte ich in die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen unserer Stadt und schilderte mein Anliegen. Doch ich wurde enttäuscht. Es gab keine einzige Gruppe, die Angehörigen von depressiven Menschen einen Austauschraum geben könnte. Keine einzige!

Ich war verwirrt, weil ich annahm, dass ein großer Bedarf genau nach diesem Angebot existieren würde. Aber Fehlanzeige… Aber warum? Die verantwortliche Sozialarbeiterin bestätigte, dass es einen großen Bedarf gibt und dass sie allein am heutigen Tag bereits 5 Emails dazu beantwortet hätte.

Sie erklärte mir etwas, was mir inzwischen sonnenklar erscheint. Die Angehörigen von Menschen mit Depression tragen viel auf ihren Schultern. Je nach Schwere der Erkrankung des Partners, eines Elternteils oder Kindes erledigen sie den Haushalt, kümmern sich um Einkäufe, Formalitäten und notwendige Erledigungen und müssen in ihrem Leben viel Energie für die Sorge um oder gar die Pflege des Angehörigen aufbringen. Sie haben keine Kraft, eine Selbsthilfegruppe zu leiten.

Das war eine harte Erkenntnis, aber gleichzeitig fühle ich mich leichter, denn mir wurde meine eigene Energieknappheit und Last erklärt. Fast war es so, als ob ich es besser annehmen könnte.

Die Mitarbeiterin der Kontaktstelle fragte mich drängend, ob ich mir nicht vorstellen könnte, so eine Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen. Man würde mich auch umfassend unterstützen, aber ich konnte nur abwinken.

Soweit bin ich noch nicht! Ich taste mich doch erst ans Thema heran.

Ein Kommentar

  • Bee

    Liebe Annette,
    Vielen Dank für diesen Einblick in das Leben von Angehörigen! Ich weiß gar nicht, wo ich ohne die Unterstützung durch meinen Partner wäre, aber ich frage mich oft, wie es ihm eigentlich damit geht. Wir sprechen zwar darüber, aber ich habe oft Sorge, dass er nicht ganz offen ist (aus Rücksicht auf mich). Ich freue mich jedenfalls auf die nächsten Kolumnen von Dir und wünsche Dir (und Deinem Partner) viel Kraft! <3
    Bee

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