Tagebuch einer Angehörigen
Kolumne

Tagebuch einer Angehörigen – 01. März 2020

Ich drücke mich. Ich drücke mich schon wieder. Ich drücke mich vor der Realität und will mich nicht mit ihr auseinandersetzen. Warum? Weil alles gerade so gut läuft.

Mein Mann hat viel Kraft und Herzblut in ein Projekt gesteckt, an welchem ihm sowohl dienstlich als auch privat etwas liegt. Und nun hat er viel Erfolg und Anerkennung und beides tut ihm und seiner Seele gut.

Mir geht es daher auch gut, sehr gut sogar. Wir sind verliebt und alle Sorgen scheinen weit weg. Dabei weiß ich doch, dass hinter der nächsten Ecke schon das nächste Tief lauert. Ein Versagensmoment, eine tief gehende Kritik und schon ist alles wieder schwer.

Aber ich genieße diesen Moment und muss mir eingestehen, dass das für mich unsere Beziehung ist. Die schweren Zeiten ertrage ich eher und versuche, es nicht schlimmer zu machen und soweit wie möglich meinem Mann eine Unterstützung zu sein. So ist über die Jahre eine Abhängigkeit gewachsen. Ich schweige zu bestimmten Themen, fasse Kritik zu kurz und schaue immer sehr genau hin, in welcher Verfassung er sich gerade befindet. Danach richte ich dann mein Verhalten und meine Reaktionen.

Gleichzeitig muss ich aber auch auf meinen Sohn aufpassen, damit er nicht zu kurz kommt und unter der Situation nicht zu viel leiden muss. Mein Mann ist nicht sein Vater und hat in solchen Zeiten keine Kraft für ihn, geschweige denn das Bedürfnis, ihn vor sich zu schützen. Er versucht es manchmal, aber es ist immer nur eine halbe Sache. Für mich selbst bleibt dann wenig oder gar keine Zeit und ich zerreiße innerlich.

So habe ich über die Zeit vergessen, auf mich selbst zu schauen. Das war der größte Fehler, wie ich schmerzhaft feststellen musste. Und irgendwann schwand meine eigene Kraft. Ich hatte das Gefühl, den Aufgaben auf der Arbeit nicht mehr gerecht zu werden und privat viel Zeit damit zu verbringen, ins Leere zu starren. Und da ein Unglück selten allein kommt, haben mich mehrere kleine Herausforderungen tatsächlich fast in ein Burnout geleitet. Nun habe ich eine kleine Auszeit genommen und hatte Zeit, nachzudenken.

Immerhin lasse ich das Thema inzwischen an mich heran und damit auch viele Punkte, die ich vorher ignoriert habe. Was bin ich für meinen Mann? Eine Kraftquelle? Eine Stütze in schweren Zeiten? Und sonst? Wer ist er für mich? Warum liebe ich ihn? Wie lange werde ich genug Kraft haben? Diese Fragen müsste ich mir stellen und schonungslos beantworten.

Und dabei läuft es doch gerade so gut…

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