Texte und Gedichte

Von unnötigen Dingen und nötigen Sackgassen – oder: Das Tausend-Teile-Puzzle

Alles, was du nicht brauchst, kann weg. Was bleibt, ist das, was wichtig ist. Für dich.“ Diesen Satz oder so ähnlich habe ich vor einer Weile gelesen und gedacht: Ja, das stimmt. Aber verinnerlichen konnte ich ihn damals noch nicht.

Heute fällt mir das leichter. Noch nicht zu 100%, aber deutlich mehr als damals, als er zum ersten Mal meinen Weg kreuzte. Ich habe hohe – oft ZU hohe Ansprüche an mich selbst, meinen Partner, meine Umwelt, die Menschheit. Aber vor allem an mich selbst. Mama sagt immer: Sei doch mal großzügiger mit dir selbst. Ja und nein. Ich möchte mir meine Werte und Prinzipien bewahren. Ich möchte an ihnen festhalten, denn sie sind ein großer Teil dessen, was mich ausmacht. Ich möchte mir aber mehr und mehr verinnerlichen, dass ich nicht NUR meine Werte und Prinzipien bin. Ich bin mehr als das. Ich bin mehr als NUR Vegetarierin. Ich bin mehr als NUR jemand, dem es wichtig ist, dass Radfahrer nicht auf dem Gehweg fahren. Ich bin mehr als NUR jemand, der versucht, möglichst wenig Plastikmüll zu verursachen und nachhaltig zu leben. Ich bin mehr als NUR ein Mensch, der versucht, menschlich zu sein. Wer ich genau bin, das habe ich noch nicht raus. Aber das ist nicht schlimm, denn ich habe mich auf den Weg gemacht, das herauszufinden.

In erster Linie bin ich also erstmal genau das: Ein Mensch.

Und zwar NUR ein Mensch.

Keine Maschine, die darauf programmiert ist, perfekt zu funktionieren, nahtlos und rüttelfrei ihr Programm abzuspulen und am Ende des Tages kommt jemand und drückt den Off-Schalter, hängt mich an die Ladestation, damit ich meinen Akku aufladen kann.

Ich bin ein Mensch und mein Akku ist momentan ziemlich leer. Wie ich diesen wieder aufladen kann, das gilt es, herauszufinden, ebenso, wie ich meine Selbstheilungskräfte aktiviere – und zwar Stück für Stück, nicht alle gleichzeitig – denn das würde sogar eine perfekt – von Menschenhand, übrigens – programmierte Maschine eher dazu bewegen, stillzustehen und eine rote Lampe sowie den Hinweis „ERROR“ zu aktivieren und zu warten, bis jemand kommt, um sie zu reparieren.

Also, Selbstheilung. Heilung von innen. Das ist meine einzige Aufgabe zurzeit. Und zwar, das möchte ich an dieser Stelle nochmal wiederholen: Schritt für Schritt. Es gibt niemanden auf dieser Welt, der den Mount Everest an einem Tag bestiegen hat. Auch das Flugzeug oder die Atombombe – wunderbare und schreckliche Erfindungen der Menschheit (du siehst, niemand ist perfekt und jede Erfindung hat so ihre Tücken) – wurden nicht in Überschallgeschwindigkeit erschaffen. Ein Puzzle kannst du auch nur Teilchen für Teilchen zusammensetzen, da genügt nicht ein Blick und alles fügt sich wie von Zauberhand. Da musst (und in diesem Fall wähle ich das Wörtchen MUSS ganz bewusst aus) du genauer hinsehen, manchmal auch mehrmals, bis du das richtige Teilchen findest. Musst noch einmal hinsehen, um ein unpassendes Teilchen zu identifizieren und ganz genaue, zielgerichtete Blicke schweifen lassen, um seinen passenden Nachkommen zu finden. Musst lösungsorientiert vorgehen. Wen kennst du, der jemals ein Puzzle beendet und vervollständigt hat, indem er nur über die falsch eingesetzten Teilchen geschimpft und geweint hat?

Lösungsorientiertheit ist ein gutes Stichwort. Auch, was meine Ausbildung betrifft. Am Ende zählt nicht, wie gut ich an jeden einzelnen Tag gearbeitet, wie gut meine mündliche Mitarbeit in jeder einzelnen Schulstunde war. Natürlich ist es hilfreich, gut mitzuarbeiten und aufzupassen, damit ich mit dem Stoff hinterherkomme. Aber was für mich am Ende zählt, ist, DASS ich eine abgeschlossene Berufsausbildung habe, mit der ich einen Beruf ergreifen kann, um Geld zu verdienen und erstmal über die Runden zu kommen. Und WIE gut ich letztendlich abschneide, das sei mal dahingestellt. Solange ich das gebe, was ich an dem jeweiligen Tag fähig bin, zu geben, solange ich die Kraft aufwende, die mir für genau diesen einen Tag zur Verfügung steht (und das muss nicht jeden Tag 1000% sein!), kann ich am Ende stolz darauf sein, dass ich es geschafft habe.

Dass ich es durchgezogen und mir an jeden einzelnen Tag mit den mir zur Verfügung stehenden Ressourcen ein Standbein erarbeitet habe. Das ist mein Ziel. Da möchte ich hin. Was danach kommt, entscheidet sich im Laufe der Zeit. Das muss ich jetzt noch nicht wissen. Und zur Beruhigung meiner sich meldenden Zukunftsangst: Das KANN ich auch gar nicht wissen. Wen kennst du, der in seinen Mittzwanzigern steckt und jetzt schon ganz genau weiß, wo er sich in zwei, drei, fünf Jahren befinden wird? Das ist die Bürde unserer Generation: Durch die Vielfalt an Möglichkeiten der globalisierten Welt KÖNNEN wir so vieles, dass wir in den seltensten Fällen schon jetzt bereits sagen können, wie sich unser Leben entwickelt. Und das ist okay.

Was zählt, ist doch, dass ich JETZT GERADE mal einfach keine Angst haben muss, ob ich morgen ein Dach über dem Kopf haben werde, etwas zu Essen im Kühlschrank ist und ich weiß, wo mein Zuhause ist und wie ich jederzeit (egal wie besoffen ich bin) dorthin zurück finde.

Das ist SO VIEL wert! Dafür möchte ich heute dankbar sein. Und daran wird sich morgen nichts geändert haben. Und übermorgen auch nicht. Und überübermorgen und nächste Woche und nächsten Monat. Solange ich jeden Tag das gebe, was ich zu geben bereit und fähig bin. Und das ist, wenn ich mich mal traue, genau hinzuschauen, eine ganze Menge.

Pass auf:

Ich KANN jeden Morgen aufstehen – denn ich habe zwei gesunde Beine.

Ich KANN jeden Morgen frühstücken – denn mein Kühlschrank und die Vorratskammern sind voll.

Ich KANN jeden Morgen mit meinem Hund raus gehen – denn ich gehöre zu den glücklichen Menschen, die einen Hund an ihrer Seite haben.

Ich KANN jeden Morgen zu meinem Freund rüber gehen und ihm noch zehn Minuten den Rücken kraulen, wenn ich will – denn ich bin die überglückliche Frau, die diesen Menschen an ihrer Seite hat.

Ich KANN jeden Morgen zur Arbeit fahren – denn ich habe ein tolles Fahrrad und einen Job, den ich nun mal zum Leben brauche.

Ich KANN mich sogar FREUEN, zur Arbeit zu fahren – denn ich habe tolle Kolleg*innen und bekomme für jede Sekunde der acht Stunden, die ich heute mit ihnen verbringen darf, genug Geld zum Leben.

Ich KANN meine Arbeit machen und dann den Rest meines Tages so gestalten, wie ich es gerne möchte – denn ich habe neben der Arbeit noch Zeit für andere Dinge.

Ich KANN meine Freizeit so gestalten, wie ich gerne möchte – denn ich habe genug Geld für Aktivitäten und genug Ideen, was ich machen KANN.

Was kannst du? Vielleicht treffen diese Beispiele aus meinem Leben nicht auf dich zu, doch in jedem unserer Leben gibt es andere Dinge, die es wert sind, gesehen, wahrgenommen und als kleine Erfolge wertgeschätzt zu werden.

Ich KANN, wenn ich wirklich will, kleine Schritte unternehmen, damit es mir besser geht. Und ich WILL.

Und das ist wichtig. Ich WILL, dass es mir besser geht. Und ich möchte lernen, mir bewusst zu machen, dass dieses „besser“ vielleicht nicht morgen eintritt, aber wenn ich dranbleibe, mein Puzzle Stück für Stück zusammen setze und damit zurechtkomme, auch mal ein Teil, dessen ich mir sicher war, dass es richtig ist, durch ein anderes zu ersetzen, das tatsächlich richtig gut passt! – dann kommt die Besserung garantiert schneller, als ich mir erträumt habe.

Wenn ich jeden Tag EIN Puzzleteilchen setze und mir Zeit gebe, es in Ruhe zu betrachten, um dann am nächsten Tag das nächste Teilchen zu setzen und den richtigen Ort dafür zu finden und mich darüber freue, dass es dort richtig gut hinpasst, dann wird mein Puzzle auf jeden Fall in diesem Leben fertig. Und das ist letztendlich meine einzige Aufgabe in diesem Leben.

Mein Puzzle fertig zu kriegen.

Nicht das meines Partners.

Nicht das des ungeliebten Nachbarn.

Nicht das der Schulkameraden, Arbeitskollegen oder der Leute, die in meinem Viertel wohnen.

Und schon gar nicht die Puzzles von mir völlig Fremden.

Nur meines. Das reicht.

Wenn ich es schaffe, mir das zu verinnerlichen, dann bin ich ein ganzes Stück weiter. Und damit habe ich ein weiteres, sehr wichtiges Puzzleteilchen an seinen Platz gesetzt.

Alle Puzzleteile, die nicht zu meinem eigenen, ganz persönlichen Puzzle gehören, die darf ich ganz einfach weglegen, dahin, wo sie eigentlich hingehören. Hast du schon mal versucht, ein Puzzle fertig zu kriegen, dem falsche Teile zugeordnet waren?

Um die „falschen“, also die für mich unpassenden, wird sich jemand anderes kümmern. Und wenn nicht – sprich: wenn da jemand ist, der sein Puzzle nie fertig kriegt – dann ist das sein Problem, nicht meins. Denn ich bin nur dafür verantwortlich, was ich mit meinem Puzzle mache. Welche Teile ich als dazu passend identifiziere, liegt in meiner Hand. Dadurch nehme ich auch niemandem etwas weg. Denn wenn ein Puzzleteil zu mehreren Puzzles passt, ist das letztendlich doch nur ein Verbindungsstück, eine Brücke zwischen zwei Leben, die uns miteinander vereint und die vielen kleinen einzelnen Puzzles zu einem Großen Ganzen werden lassen. Und damit geschieht das, womit ich mich lange so vergeblich abgemüht habe, von ganz allein.

Mir wird immer bewusster, je öfter ich mir diesen Gedanken ins Hier und Jetzt rufe: Ich bin nicht für Freud und Leid der ganzen Welt verantwortlich. Meine Aufgabe ist es lediglich, meinen Beitrag dazu zu leisten, dass ich so viel Freude und so wenig Leid in die Welt bringe, wie in meinem persönlichen Spektrum eben möglich ist. Und dass ich das am besten verwirklichen kann, wenn ich in ganz kleinen Schritten MEINEN Weg gehe, also den Weg, den ich eben möchte, und zu dem ich mich in der Lage sehe.

Ein Sprinter sucht sich auch keinen Marathon aus, den er bestreitet. Ein Marathonläufer ist nicht dafür gemacht, Sprints zu laufen. Ein Profikletterer sucht sich vielleicht den kompliziertesten Weg den Berg hinauf, während jemand, der einfach nur den Ausblick genießen möchte – und zu dieser Gruppe zähle ich mich – sicherlich nicht die steilste Anhöhe wählen wird, sondern eher den gemütlichen Pfad.

Und der dauert eben länger.

Aber: Ich kann ihn viel mehr genießen, weil ich eben nicht den ganzen Weg über total außer Atem sein werde und in ganz kleinen Schritten – vor allem: in MEINEM Tempo – gehe. Nicht von außen gesteuert, sondern von innen gefühlt, entscheide ich: Hier mache ich eine Pause. Hier möchte ich kurz mal rennen. Ich raste, wenn ICH will und gehe weiter, wenn ich dazu bereit bin.

Das heißt nicht, dass ich auf der Stelle trete.

Das heißt, dass Umwege und Sackgassen erlaubt sind, weil sie MEINEN Weg mit formen und mich stets dahin (zurück) führen werden, wo ich hingehöre und wo ich mich wohl fühle. Wenn ich merke: Hier geht es für mich nicht weiter, denn diese Anhöhe ist mir zu steil – dann gehe ich eben zurück an die letzte Weggabelung und versuche es mit einem anderen Pfad. Wenn ich vor lauter Anstrengung völlig fertig bin und erstmal dort Halt machen und mich ausruhen möchte, wo ich gerade stehe:

Dann ist das so und dann ist das vollkommen in Ordnung. Vielleicht verliere ich dann den Anschluss an die Gruppe, mit der ich gestartet bin, aber wenigstens nicht an mich selbst. Dann waren meine Begleiter wohl einfach nicht die richtigen. Aber stellen wir uns vor: In der nächsten Minute wird ein anderer Wanderer um die Ecke biegen und sich genau dorthin setzen, wo ich bereits sitze und mich ausruhe. Und der wird genau so einen Heidenrespekt vor der Anhöhe haben wie ich. Aber vielleicht schaffen wir es ja gemeinsam dort hinauf. Und wenn nicht: Dann eben nicht, dann gehen wir zusammen zurück oder auch in verschiedene Richtungen und das wars und das ist auch okay.

Nur: Vor der Anhöhe sitzen bleiben und weinen und fluchen und nicht weiter- aber auch nicht zurückgehen – das hilft an dieser Stelle nicht. In Bewegung bleiben ist der Schlüssel, und dabei ist es völlig egal, in welche Richtung, oder ob ich einmal im Kreis renne und merke: Oh, hier war ich schonmal. Hier war es schön, hier mache ich Pause, aber hier bleibe ich nicht. Oder ob ich drei Mal in dieselbe Sackgasse renne. Scheiß egal. Solange ich nur immer wieder den Mut und die Kraft aufbringe, weiter zu gehen und dabei darauf achte, nicht zu sehr außer Atem zu geraten, solange werde ich meinem Ziel (nämlich dem schönen Ausblick da oben) Schrittchen für Schrittchen für Schrittchen immer näher kommen. In meinem ganz eigenen Tempo, mit den Sachen, die ich dafür brauche. Und alles, was ich nicht brauche, lasse ich zurück. Der nächste Wanderer wird sich darüber freuen.

Alles, was ich nicht brauche, kann weg. Was bleibt, ist das, was wichtig ist. Für mich.

Steady

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5 Kommentare

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